Das Märchen von den zwölf Monaten

Es war einmal eine alte Frau, die war so arm, dass sie selbst im strengsten Winter kein Holz und keine Kohle kaufen konnte, um ihr kleines Häuschen zu heizen. An besonders kalten Tagen stieg sie hinauf in den Bergwald und sammelte dürres Laub in einem Sack, um damit ihre Stube ein wenig zu wärmen.
Als sie einmal gerade wieder vom Laubsammeln zurückkam, sah sie in einer kleinen Höhle, in der sie sich sonst immer ausgeruht hatte, einen hellen Schein. Sie ging hinein und sah darin zwölf schöne, junge Männer sitzen.
«Seid gegrüsst», sagte die alte Frau freundlich.
«Grüss Gott Mütterchen», antworteten die zwölf Männer, «heute ist es ja schrecklich kalt!»

 «So schlimm ist es nun auch wieder nicht», meinte die alte Frau,
 «es ist eben Winter, da muss es doch kalt sein.»
«Magst du denn die Kälte lieber als die Hitze?», fragte einer der zwölf Jünglinge.

«Nein», meinte da das Mütterchen, «mir ist eigentlich alles recht!»
 «Du findest also keinen Monat schlecht, Mütterchen?» wollten die zwölf Männer wissen.
 «Nein», sagte die Alte, «ich finde, dass jeder Monat auf seine Art schön ist.

 So, jetzt muss ich aber wieder nach Hause.»
Sie stand auf, und die zwölf Männer halfen ihr, den Sack auf den Rücken zu heben. Wie sie aber zu Hause ankam und den Sack öffnete, was sah sie darin? Lauter Goldstücke! Von da an lebte sie glücklich und ohne Sorgen.
Im Nachbarhaus aber lebte auch eine alte Frau. Die hatte keine Ruhe, bis sie erfahren hatte, woher die andere all das Gold bekommen hatte. Sie liess sich alles ganz genau erklären, nahm einen Sack, stopfte ihn voll mit trockenen Blättern und ging damit zur Höhle hinauf.
Und tatsächlich sassen da wieder die zwölf jungen Männer.

Die alte Frau begann sogleich zu jammern:
 «Ach, es ist so kalt draussen, es wäre besser, es gäbe keinen Winter!»
«Wie gefallen dir denn die anderen Jahreszeiten?» wollten sie wissen.
«Die sind auch nicht besser», klagte da die Alte.
«Der März macht alle krank, der April weiss nie was er will, der Mai macht allen Kopfschmerzen mit seinem Blumenduft, im Juni sind die Nächte zu kurz, Juli und August sind zu heiss und im September wird es schon wieder kalt. Nein, eigentlich gefällt mir keiner der zwölf Monate!»

Die zwölf jungen Männer sagten nichts. Sie halfen der unzufriedenen Frau den Sack auf die Schultern heben und diese lief so schnell sie konnte nach Hause. Als sie aber den Sack öffnete, fand sie darin nur dürre Blätter. Die zwölf Monate hatten sie nach ihren Reden belohnt.

Märchen aus Griechenland, ausgewählt und neu erzählt von Djamila Jaenike